{"id":718,"date":"2017-06-15T08:23:38","date_gmt":"2017-06-15T06:23:38","guid":{"rendered":"https:\/\/xoxo.capsule.ch\/2017\/06\/15\/das-konstrukt-der-dichte\/"},"modified":"2017-06-15T08:23:38","modified_gmt":"2017-06-15T06:23:38","slug":"das-konstrukt-der-dichte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/xoxo.capsule.ch\/it\/2017\/06\/15\/das-konstrukt-der-dichte\/","title":{"rendered":"Das Konstrukt der Dichte"},"content":{"rendered":"<p>In Zukunft sollen Wachstum und bauliche Entwicklungen innerhalb des bestehenden Siedlungsgebietes stattfinden\u00a0\u2013\u00a0vorzugsweise an im \u00f6ffentlichen Verkehr gut erschlossenen Lagen. Eine vermehrte Durchmischung st\u00e4dtischer Funktionen und mehr r\u00e4umliche N\u00e4he sollen gleichzeitig die Wege verk\u00fcrzen und dadurch die Verkehrsentwicklung stabilisieren. Dies erfordert unweigerlich eine dichtere Bebauung. Der Begriff der Dichte wird in der \u00f6ffentlichen Debatte aber oft wenig differenziert verwendet, was dazu f\u00fchrt, dass \u00abDichte\u00bb und \u00abVerdichtung\u00bb in weiten Teilen der Bev\u00f6lkerung negativ behaftet sind.<!--more--><\/p>\n<p>Die j\u00fcngsten politischen Entwicklungen verweisen auf ein erstarktes Bewusstsein der Bev\u00f6lkerung f\u00fcr den Wert intakter Landschaften. Die Stossrichtung der aktuellen Stadt- und Raumentwicklungsdebatte ist bekannt: Das bestehende Siedlungsgebiet soll in Zukunft dichter bebaut resp. verdichtet werden. In weiten Teilen der Bev\u00f6lkerung st\u00f6sst diese Absicht jedoch auf Ablehnung, was die Folge einer wenig differenzierten Verwendung des Dichtebegriffs in der \u00f6ffentlichen Diskussion sein d\u00fcrfte. Meist wird Dichte auf die planungsrechtliche Definition der Ausn\u00fctzungsziffer bezogen, die lediglich Auskunft \u00fcber die quantitative Nutzung einer Fl\u00e4che gibt. Dieser Aspekt allein wird dem Begriff jedoch nicht gerecht, denn \u00ab[\u2026] das Konstrukt Dichte ist ein Hybrid \u2013 halb sozial und halb r\u00e4umlich \u2013 und als Quotient von etwas Sozialem und etwas Baulich-R\u00e4umlichen ein Symbol (eine Repr\u00e4sentation) f\u00fcr eine r\u00e4umliche Materialisierung des Sozialen\u00bb\u00a0(Roskamm 2011: 346).<\/p>\n<p>Gem\u00e4ss diesem Ansatz ist Dichte ein kompositer Begriff, der sich aus verschiedenen sozialr\u00e4umlichen und st\u00e4dtebaulichen Faktoren zusammensetzt. Die bauliche Dichte gibt dabei nur Aufschluss \u00fcber die gebaute Masse, ausgedr\u00fcckt in Geb\u00e4udekubaturen oder Geschossfl\u00e4chen. Eine hohe bauliche Dichte, beispielsweise eines Hochhausquartiers, f\u00fchrt aber nicht zwangsl\u00e4ufig auch zu sozialer Dichte. Erst die Gegen\u00fcberstellung der Aussendichte (z.B. Einwohner pro Hektar) und der Innendichte (z.B. Bewohner resp. Besch\u00e4ftigte pro m2 Geschossfl\u00e4che) l\u00e4sst Aussagen \u00fcber die Benutzung gebauter Strukturen zu. Die soziale Dichte, resp. die Einwohner- und Nutzerdichte ist ein Indikator f\u00fcr die effektive Belegung einer Fl\u00e4che resp. des Gebauten. Sie ist stark beeinflusst von der Durchmischung der Funktionen, die sich nicht in Wohnen und Arbeiten ersch\u00f6pfen sollte, wenn Dichte als eine Qualit\u00e4t des St\u00e4dtischen erlebt werden soll.<\/p>\n<p>Die soziale Dichte, aber auch die Versorgungs- und Erlebnisdichte, die \u00fcber die Vielfalt an M\u00f6glichkeiten der Alltagsgestaltung Auskunft geben sowie die Regelungsdichte, welche die Rahmenbedingungen f\u00fcr die Nutzung und damit f\u00fcr die Benutzung von R\u00e4umen und Orten festschreibt, bilden die Grundlage f\u00fcr einen produktiven Austausch zwischen Menschen \u00a0\u2013\u00a0die Interaktionsdichte nimmt zu.<\/p>\n<p>Die Frage nach der Verdichtung ist stets auch eine soziale Frage und muss sich deshalb immer auf einen konkreten Ort und seinen spezifischen sozialr\u00e4umlichen Kontext beziehen. Nicht \u00fcberall sind die Voraussetzungen f\u00fcr eine hohe Dichte und damit auch f\u00fcr eine Verdichtung gleichsam gegeben. Es bedarf einer sorgf\u00e4ltigen und differenzierten Auseinandersetzung mit den spezifischen Gegebenheiten und Potentialen. Eine differenzierte Verst\u00e4ndigung \u00fcber die unterschiedlichen Komponenten von Dichte ist daf\u00fcr eine zentrale Voraussetzung.<\/p>\n<p><i>Literatur: Roskamm, Nikolai 2011: Dichte. Eine Transdisziplin\u00e4re Dekonstruktion. Diskurse zu Stadt und Raum, Bielefeld: transcript Verlag<\/i><\/p>\n<p><i><a href=\"mailto:kuengl@ethz.ch\" target=\"_self\" rel=\"noopener noreferrer\">Lukas K\u00fcng<\/a> ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur von Marc Ang\u00e9lil am Institut f\u00fcr St\u00e4dtebau der ETH Z\u00fcrich. Gegenw\u00e4rtig betreut er im Rahmen des Nationalen Forschungsprogramms NFP65 \u00abNeue urbane Qualit\u00e4t\u00bb, ein Forschungsprojekt am Netzwerk Stadt und Landschaft. Zudem ist er Partner des Architekturb\u00fcros <a href=\"https:\/\/www.slik.ch\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">SLIK Architekten<\/a> in Z\u00fcrich.<\/i><\/p>\n<p><i><a href=\"mailto:poloni@arch.ethz.ch\" target=\"_self\" rel=\"noopener noreferrer\">Verena Poloni<\/a>\u00a0Esquivi\u00e9 ist Soziologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Dozentur f\u00fcr Soziologie der ETH Z\u00fcrich. Neben ihrer T\u00e4tigkeit als Dozentin arbeitet sie mit am Nationalen Forschungsprogramm NFP65 \u00abNeue urbane Qualit\u00e4t\u00bb, ein Forschungsprojekt am Netzwerk Stadt und Landschaft.<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Zukunft sollen Wachstum und bauliche Entwicklungen innerhalb des bestehenden Siedlungsgebietes stattfinden\u00a0\u2013\u00a0vorzugsweise an im \u00f6ffentlichen Verkehr gut erschlossenen Lagen. 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