{"id":230,"date":"2017-05-09T10:42:44","date_gmt":"2017-05-09T08:42:44","guid":{"rendered":"https:\/\/xoxo.capsule.ch\/2017\/05\/09\/der-entwurf-bestand-darin-regeln-fuer-eine-graduelle-transformation-zu-konzipieren\/"},"modified":"2017-05-09T10:42:44","modified_gmt":"2017-05-09T08:42:44","slug":"der-entwurf-bestand-darin-regeln-fuer-eine-graduelle-transformation-zu-konzipieren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/xoxo.capsule.ch\/it\/2017\/05\/09\/der-entwurf-bestand-darin-regeln-fuer-eine-graduelle-transformation-zu-konzipieren\/","title":{"rendered":"\u00abDer Entwurf bestand darin, Regeln f\u00fcr eine graduelle Transformation zu konzipieren\u00bb"},"content":{"rendered":"<p>Kees Christiaanse, Architekt, Urbanist und Professor f\u00fcr Architektur und St\u00e4dtebau an der ETH Z\u00fcrich, spricht mit Fabienne Hoelzel \u00fcber offene Stadtstrukturen, soziale und kulturelle Koexistenz sowie Stadterneuerung und informelle Prozesse. Er kuratiert die<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.iabr.nl\/EN\/index.php\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">4. Internationale Architekturbiennale Rotterdam<\/a>. Die Ausstellung tr\u00e4gt den Titel <i>Open City \u2013 Designing Coexistence<\/i> und wird am\u00a024. September 2009 im Netherlands Architecture Institute (NAI) er\u00f6ffnet.<!--more--><\/p>\n<h4><b>Kees, der suggestive Titel der von dir kuratierten Biennale lautet <i>Open City<\/i>, der nicht leicht verst\u00e4ndliche dazugeh\u00f6rige Untertitel <i>Designing Coexistence<\/i>. Ich m\u00f6chte mich mit dir zun\u00e4chst \u00fcber Koexistenz unterhalten. <\/b><\/h4>\n<p>Wir haben den Untertitel <i>Designing Coexistence<\/i> wegen seiner emblematischen Kraft gew\u00e4hlt. Nat\u00fcrlich, man sollte sich nicht einbilden, Koexistenz entwerfen zu k\u00f6nnen. Trotzdem sind wir durchaus in der Lage urbane Strukturen zu erkennen und zu benennen, die f\u00fcr ein fruchtbares Zusammenleben von unterschiedlichen sozialen Gruppen geeignet sind \u2013 und welche nicht oder zumindest weniger. Ganz einfach formuliert suchen wir Instrumente, die einen N\u00e4hrboden f\u00fcr eine produktive Urbanit\u00e4t erzeugen. Open City ist keine fixierte Stadtvision, sondern ein Zustand eines Stadtteils, ein Gleichgewicht zwischen integrierenden und aufl\u00f6senden Kr\u00e4ften.<\/p>\n<h4><b>Du sagst, wir k\u00f6nnen Koexistenz nicht entwerfen, erw\u00e4hnst aber gleichzeitig Instrumente, die das tun k\u00f6nnen. An welche Massnahmen und Prozesse denkst du hierbei, als praktizierender St\u00e4dtebauer? <\/b><\/h4>\n<p>Ich bin der Ansicht, dass wir Strukturen entwerfen k\u00f6nnen, die eine positive oder katalysierende Wirkung auf Koexistenz haben. Wir wissen heute genug \u00fcber die Stadt und welche Strukturen in bestimmten Bedingungen besser funktionieren als andere. Wir k\u00f6nnen den Wachstumsprozess von St\u00e4dten aber nach wie vor nicht beherrschen, noch k\u00f6nnen wir den Entwurfsprozess richtig kontrollieren. Dennoch sind wir eindeutig in der Lage, den gemeinsamen Nenner von Eigenschaften zu skizzieren, der zu gut funktionierenden Quartieren f\u00fchrt. Eine der wichtigsten Eigenschaften ist das Netzwerk und das System von \u00f6ffentlichen R\u00e4umen. Wenn die aktivierende Wirkung und Kommunikationsf\u00e4higkeit dieser Systeme nicht gut ist, funktioniert die Stadt nicht. Die Erreichbarkeit und Mobilit\u00e4t in der Stadt zwischen Fussg\u00e4ngerr\u00e4umen, \u00f6ffentlichen Verkehrssystemen und Individualverkehr stehen in einem delikaten Gleichgewicht. Quartiere, welche das Auto komplett verbannen, sterben aus. Auf der anderen Seite t\u00f6tet unregulierter Verkehr die Umgebung. St\u00e4dte funktionieren ganz klar durch die Tugend der Mobilit\u00e4t. Quartiers- und Geb\u00e4udetypologien sollen an dieses Netz andocken, das stimuliert eine gegenseitige Aktivierung.<\/p>\n<h4><b>Wie h\u00e4ngen Stadt und Quartier zusammen? <\/b><\/h4>\n<p>Jane Jacobs beschreibt den st\u00e4dtischen Massstabssprung in drei Kategorien: erstens die Strasse und ihre Umgebung, zweitens das Quartier und drittens die gesamte Stadt. Sie war eine der Ersten, die sagte, dass die Stadt auch ein Quartier ist. Sie definiert das Quartier als eine Art von \u00abst\u00e4dtischem Versorgungsmass\u00bb. Die Stadt als Ganzes ist auch ein Quartier, weil grosse \u00f6ffentliche Nutzungen wie die eines Opernhauses, eines Museums, eines Krankenhauses oder des Rathauses nur einmal vorkommen. Sie ist daher nicht, wie viele denken, eine \u00abkleinmassst\u00e4bliche Fussg\u00e4ngergerechtigkeits-Denkerin\u00bb, sondern hat eine ganz sensible Idee bez\u00fcglich des Spektrums zwischen Strasse und Stadt entwickelt. Die meisten Menschen leben mit einer mentalen Karte dieser drei Kategorien im Kopf.<\/p>\n<h4><b>Gibt es Beispiele von solchen Quartieren? <\/b><\/h4>\n<p>Es ist naheliegend, erfolgreiche Quartiere wie den Prenzlauer Berg in Berlin, den alten Westen in Rotterdam, gewisse Teile von Brooklyn in New York, Queen-Street-West in Toronto, De Pijp in Amsterdam, Teile von East London oder Abschnitte im Z\u00fcrcher Kreis 5 zu nennen. Diese Quartiere sind divers, haben eine gewisse Nutzungsmischung, eine innovative Atmosph\u00e4re und ein feinmaschiges Strassennetz. Im French-Concession-Quartier in Shanghai oder in bestimmten Quartieren von Istanbul oder Beirut kann man Kennzeichen der Offenen Stadt ebenfalls entdecken. In einem gewissen Sinne kann man zum Beispiel auch die ganze Randstad Holland als Offene Stadt bezeichnen; u.a. wegen der M\u00f6glichkeit, sich \u00fcberall niederlassen zu k\u00f6nnen, wegen der Verf\u00fcgbarkeit hochwertiger Mobilit\u00e4t, der daraus folgenden Erreichbarkeit bis in die entferntesten Ecken der Agglomeration und nicht zuletzt aufgrund der daraus entstehenden Interaktion und wirtschaftlichen Aktivit\u00e4t.<\/p>\n<h4><b>Du hast Asien erw\u00e4hnt, Europa, Nordamerika. Heisst das, die Offene Stadt ist ein weltweit vorkommender urbaner Zustand?<\/b><\/h4>\n<p>Ja, die Offene Stadt ist kulturunabh\u00e4ngig, weil sie ja produktive Aktivierungen und Synergien beschreibt. Sie kommt in der komplement\u00e4ren Beziehung zwischen Slums und gated communities in Istanbul oder Jakarta, in der Transformation der sozialistischen Stadt von der Plan- in die Marktwirtschaft in der Peripherie von Moskau, in der Vers\u00f6hnung zwischen dem Formellen und Informellen in den Favelas von Sao Paolo und nach einigen Jahren sogar in new towns wie Milton Keynes oder Almere vor. Man kann daher nicht behaupten, dass nur in Quartieren aus dem 19. Jahrhundert in einer westlichen Sozialdemokratie ein Zustand von Open City bestehen kann.<\/p>\n<h4><b>Europa und Nordamerika sind sehr stark formalisiert; sogar die (Partizipations-) Prozesse sind formalisiert. Glaubst du, dass Offene Stadt durch Regeln stimuliert werden k\u00f6nnte, die informelle Aktivit\u00e4ten und Prozesse erlauben oder gar verlangen \u2013 als Teil des st\u00e4dtebaulichen Entwurfs?<\/b><\/h4>\n<p>Die Antwort ist ein entschiedenes Ja. Ich kann es sogar beweisen! Wir haben in Rotterdam das Gebiet Wijnhaven entworfen, wo Hochh\u00e4user auf grossen H\u00e4userblocks stehen. Wir haben nicht viel entworfen, sondern vielmehr Transformationsregeln aufgestellt. Die Regeln lassen viel Freiraum, aber sie garantieren eine gewisse formale und funktionale Charakteristik. Im \u00dcbrigen k\u00f6nnen Projektentwicklerinnen und Grundst\u00fcckbesitzer informell und innerhalb der Regeln tun, was sie wollen. Die Art und Weise, wie in einigen s\u00fcdamerikanischen L\u00e4ndern \u00fcber eine Aufwertung der Slums nachgedacht wird, finde ich eine ausgesprochen intelligente Neubetrachtung der Beziehungen zwischen dem Formellen und dem Informellen. Es ist verbunden mit einem sehr starken Anliegen nach guter Architektur und aufmerksam gegen\u00fcber sozialen, \u00f6konomischen und kulturellen Aspekten. Der ganze Prozess ist integral, weil er auch das Stakeholder-Management mit einbezieht. Wir versuchen im Rahmen der Rotterdam-Biennale solche Prozesse mitzutragen oder gar zu initiieren.<\/p>\n<p><i>Kees Christiaanse, Professor f\u00fcr Architektur und St\u00e4dtebau im NSL, war von 1980 bis 1989 Partner bei OMA (Office for Metropolitan Architecture) und gr\u00fcndete 1989 sein eigenes B\u00fcro KCAP, das heute rund 75 Mitarbeitende und Niederlassungen in Rotterdam, Z\u00fcrich und London hat. <\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kees Christiaanse, Architekt, Urbanist und Professor f\u00fcr Architektur und St\u00e4dtebau an der ETH Z\u00fcrich, spricht mit Fabienne Hoelzel \u00fcber offene Stadtstrukturen, soziale und kulturelle Koexistenz sowie Stadterneuerung und informelle Prozesse. Er kuratiert die 4. Internationale Architekturbiennale Rotterdam. Die Ausstellung tr\u00e4gt den Titel Open City \u2013 Designing Coexistence und wird am\u00a024. 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