{"id":8240,"date":"2023-11-17T09:47:08","date_gmt":"2023-11-17T08:47:08","guid":{"rendered":"https:\/\/xoxo.capsule.ch\/2023\/11\/17\/verfechter-des-oeffentlichen-raums\/"},"modified":"2023-11-17T09:47:08","modified_gmt":"2023-11-17T08:47:08","slug":"verfechter-des-oeffentlichen-raums","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/xoxo.capsule.ch\/en\/2023\/11\/17\/verfechter-des-oeffentlichen-raums\/","title":{"rendered":"Verfechter des \u00f6ffentlichen Raums"},"content":{"rendered":"<p>G\u00fcnther Vogt ist einer der gefragtesten Landschaftsarchitekten unserer Zeit. Er hat eine ganze Generation von Architektinnen und Architekten f\u00fcr den \u00f6ffentlichen Raum sensibilisiert. Nach 18 Jahren als ETH-\u200bProfessor wurde er nun emeritiert.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Wer \u00fcber die Millenium Bridge ans S\u00fcdufer der Themse spaziert, steht pl\u00f6tzlich vor einem dichten Birkenw\u00e4ldchen, das eine gr\u00fcne Wiese umrahmt. Ein Ort an dem Menschen picknicken und verweilen. Dahinter wirft der m\u00e4chtige Ziegelbau der Tate Modern \u2013 ein ehemaliges \u00d6lkraftwerk, das im Jahr 2000 in ein Museum f\u00fcr moderne Kunst umgewandelt wurde \u2013 seinen Schatten \u00fcber die Uferpromenade. Der Entwurf f\u00fcr dieses kleine, aber ber\u00fchmte St\u00fcck \u00abNatur\u00bb stammt von einem der gefragtesten Landschaftsarchitekten unserer Zeit: G\u00fcnther Vogt.<\/p>\n<p>\u00abDer Wald soll auf die industrielle Vergangenheit des Ortes verweisen, denn Birken wachsen typischerweise auf Industriebrachen und oft in Flussn\u00e4he\u00bb, erkl\u00e4rt der geb\u00fcrtige Liechtensteiner. Seit \u00fcber 20 Jahren gestaltet er G\u00e4rten, Parks und Landschaften auf der ganzen Welt \u2013 darunter die G\u00e4rten des Eiffelturms, die Aussenanlagen der Allianz Arena in M\u00fcnchen und der Europ\u00e4ischen Zentralbank in Frankfurt sowie die Masoala-\u200bHalle im Z\u00fcrcher Zoo. 18 Jahre davon wirkte er als Professor f\u00fcr Landschaftsarchitektur an der ETH Z\u00fcrich. Ende Juli wurde Vogt emeritiert.<\/p>\n<h3>Im Gehen daheim<\/h3>\n<p>Vogts Abschied von der ETH Z\u00fcrich ist untypisch: Anstelle einer Abschiedsvorlesung l\u00e4dt er zu einem Spaziergang, der von der Polyterrasse in Z\u00fcrich die Limmat entlang bis zum Kloster Fahr f\u00fchrt. Von der Stadt aufs Land, vorbei an sch\u00f6nen Orten wie dem Stadtpark Josefwiese, aber auch an weniger einladenden Orten wie einer Autobahnbr\u00fccke. Beides geh\u00f6rt f\u00fcr Vogt zu dem, was er Stadtlandschaft nennt.<\/p>\n<p>Solche Spazierg\u00e4nge haben f\u00fcr den Landschaftsarchitekten eine besondere Bedeutung: \u00abGehen ist f\u00fcr mich ein Sammeln von Bildern, auf die ich beim Entwerfen zur\u00fcckgreife.\u00bb Beim Gehen entsteht Vogts inneres Archiv. Und dieses reicht bis in seine Kindheit zur\u00fcck.<\/p>\n<h3>Botanischer Rucksacktr\u00e4ger<\/h3>\n<p>Vogt begeistert sich schon in jungen Jahren f\u00fcr Pflanzen aller Art. Als Neunj\u00e4hriger darf er den erfahrenen Botaniker Heinrich Seitter auf unz\u00e4hligen Streifz\u00fcgen durch die Landschaft begleiten. \u00abIch war sein Rucksacktr\u00e4ger und habe alles aufgesogen, was er \u00fcber Pflanzen gesagt hat.\u00bb<\/p>\n<p>Als Vogt mit 16 Jahren die Gartenbauschule in Oeschberg im Kanton Bern beginnt, kann er bereits auf ein beachtliches botanisches Wissen zur\u00fcckgreifen, das er in den folgenden Jahren stetig erweitert. Sein inneres Archiv w\u00e4chst und w\u00e4chst.<\/p>\n<h3>Kienast und Vogt<\/h3>\n<p>Anschliessend studiert Vogt Landschaftsarchitektur am interkantonalen Technikum in Rapperswil, wo er in Professor Dieter Kienast einen Mentor und Weggef\u00e4hrten findet. 1995 gr\u00fcnden die beiden ein gemeinsames B\u00fcro. \u00abAm Anfang hatten wir wenig zu tun und deshalb viel Zeit, intensiv \u00fcber Landschaftsarchitektur zu diskutieren\u00bb, erinnert sich Vogt.<\/p>\n<p>F\u00fcr den jungen Landschaftsarchitekten ist der Austausch mit dem \u00e4lteren und erfahreneren Kienast pr\u00e4gend. So intensiv wird er nie wieder mit einem anderen Menschen zusammenarbeiten.<\/p>\n<p>Doch die Arbeitsgemeinschaft mit Kienast nimmt ein viel zu fr\u00fches und tragisches Ende. Dieter Kienast stirbt 1998 nach kurzer, aber intensiver Krankheit. \u00abDieters Tod war eine Z\u00e4sur. Mein wichtigster Gespr\u00e4chspartner war pl\u00f6tzlich nicht mehr da. Ich musste mir alles neu aufbauen und meinen Gespr\u00e4chskreis erweitern.\u00bb<\/p>\n<h3>Fokus auf grosse Massst\u00e4be<\/h3>\n<p>Zwei Jahre nach Kienasts Tod gr\u00fcndet Vogt sein eigenes B\u00fcro. In seinen Projekten besch\u00e4ftigt er sich von nun an vor allem mit \u00f6ffentlichen R\u00e4umen. Dabei geht es ihm meist um grosse Massst\u00e4be, die weit \u00fcber einzelne Bauparzellen hinausgehen. Egal ob er einen Park oder einen ganzen Stadtteil entwirft, die zentrale Frage lautet immer: In welcher Beziehung steht ein Ort zur Stadt und ihrer Kultur im \u00f6ffentlichen Raum? Das Verst\u00e4ndnis des Kontextes ist f\u00fcr Vogt die Grundlage f\u00fcr jeden Entwurf.<\/p>\n<p>So will er im Westen Londons das Dach einer riesigen Industrieanlage, in der Kies abgebaut wird, in einen \u00f6ffentlichen Park verwandeln, der sich in den Gr\u00fcng\u00fcrtel um London herum einf\u00fcgt. Und in Hamburg entwirft Vogt die Aussenbereiche f\u00fcr einen neuen Stadtteil auf der Halbinsel Grasbrook: Parks, Promenaden, Pl\u00e4tze, Strassenr\u00e4ume und H\u00f6fe bilden zusammen eine neue Stadtlandschaft zwischen Fluss und Hafen, die das Hafengebiet in das Stadtgef\u00fcge integriert.<\/p>\n<h3>\u00abFreir\u00e4ume sind die wichtigste Ressource einer Stadt.\u00bb<\/h3>\n<p>Bei solchen Grossprojekten agiert der Landschaftsarchitekt zunehmend als Stadtplaner, der soziale, \u00f6konomische und \u00f6kologische Fragen des urbanen Zusammenlebens ebenso ber\u00fccksichtigt wie die Vegetation und Topografie. Die Schwierigkeit, so Vogt, bestehe darin, die Bed\u00fcrfnisse ganz unterschiedlicher Nutzer in Einklang zu bringen und gleichzeitig einen atmosph\u00e4rischen Raum zu schaffen, in dem sich die Menschen auch in dreissig Jahren noch wohlf\u00fchlen.<\/p>\n<p>Freir\u00e4ume sind f\u00fcr den ETH-\u200bProfessor die wichtigste Ressource einer Stadt. Die Tendenz, den \u00f6ffentlichen Raum zu privatisieren, sieht Vogt daher kritisch: Stadtplanung d\u00fcrfe nicht zum Management von Restfl\u00e4chen verkommen. Nur mit gen\u00fcgend Frei-\u200b und Gr\u00fcnfl\u00e4chen k\u00f6nnen St\u00e4dte dem Klimawandel standhalten und auch in Zukunft lebenswert bleiben. \u00abIn manche Metropolen\u00bb, gibt er zu bedenken, \u00abwerden wir regelrechte Bel\u00fcftungsschneisen schlagen m\u00fcssen, um frische und kalte Luft in die Innenst\u00e4dte zu leiten.\u00bb<\/p>\n<h3>Die Natur freilegen<\/h3>\n<p>Vogt gelingt es mit seinen Entw\u00fcrfen immer wieder, die nat\u00fcrlichen Eigenschaften eines Ortes herauszusch\u00e4len und erfahrbar zu machen. So auch beim Novartis Campus Park in Basel, wo er aus freigelegten Flusssedimenten tief eingeschnittene Hohlwege schafft. Zwischen den oberen Parkteilen und dem Rhein entsteht eine k\u00fcnstliche Landschaft, die der \u00abNatur\u00bb eine B\u00fchne bietet.<\/p>\n<p>In Vogts Landschaften und Parks kommt nicht nur sein Wissen \u00fcber Pflanzen, Hydrologie und Geologie zur Geltung, sondern auch sein Sinn f\u00fcr den kulturellen Kontext. \u00abWas man unter Landschaft versteht, ist von Land zu Land sehr unterschiedlich\u00bb, sagt er. Als der Landschaftsarchitekt beispielsweise erf\u00e4hrt, dass bei der Europ\u00e4ischen Zentralbank in Frankfurt viele Britinnen und Briten arbeiten, schl\u00e4gt er vor, in den Aussenanlagen keine Wege, sondern nur Rasen anzulegen. Die Mitarbeitenden sind begeistert. \u00abMenschen aus Grossbritannien haben eben ein erotisches Verh\u00e4ltnis zum Rasen\u00bb, erkl\u00e4rt der ETH-\u200bProfessor die positiven Reaktionen auf den Entwurf.<\/p>\n<h3>Zusammenarbeit mit K\u00fcnstlern<\/h3>\n<p>F\u00fcr die gelungene Verbindung von Landschaftsarchitektur und Kunst erh\u00e4lt G\u00fcnther Vogt 2012 den Prix Meret Oppenheim des Schweizer Bundesamtes f\u00fcr Kultur. In den Medien besonders gelobt werden eine Reihe von Ausstellungen und Interventionen mit dem isl\u00e4ndisch-\u200bd\u00e4nischen K\u00fcnstler Olafur Eliasson.<\/p>\n<p>Im Kunsthaus Bregenz bringen die beiden einfache Naturph\u00e4nomene wie Nebel, Erde oder Wasser ins Museum. Im d\u00e4nischen Ebeltoft lassen sie mittels runder Spiegel, die den Himmel reflektieren, den Schein einer verlorenen Gletscherlandschaft wieder auferstehen. Und in Basel fluten sie das Kunstmuseum Fondation Beyeler. Fast ein Dutzend Wasserpflanzenarten schweben sanft im leuchtend gr\u00fcnen Wasser. \u00abF\u00fcr Olafur und mich war all das Neuland\u00bb, sagt Vogt. \u00abEr ging als K\u00fcnstler in die Landschaft und ich als Landschaftsarchitekt ins Museum.\u00bb<\/p>\n<h3>Verantwortung f\u00fcr den \u00f6ffentlichen Raum \u00fcbernehmen<\/h3>\n<p>Als Vogt 2005 an die ETH Z\u00fcrich kommt, ist er neben Christoph Girot erst der zweite Professor f\u00fcr Landschaftsarchitektur am Departement f\u00fcr Architektur. Gemeinsam setzen sie sich daf\u00fcr ein, dass Architektur, St\u00e4dtebau und Landschaftsarchitektur in der Lehre zusammengeh\u00f6ren. Sie gr\u00fcnden das Institut f\u00fcr Landschaftsarchitektur und setzen nach jahrelangen Bem\u00fchungen durch, dass 2020 ein eigener Masterstudiengang f\u00fcr Landschaftsarchitektur eingef\u00fchrt wird \u2013 der erste an einer Schweizer Universit\u00e4t.<\/p>\n<p>Auch in der Lehre legt Vogt einen Schwerpunkt auf grosse Massst\u00e4be und den \u00f6ffentlichen Raum. Er hat eine ganze Generation von Architektinnen und Architekten an der ETH Z\u00fcrich daf\u00fcr sensibilisiert, Verantwortung f\u00fcr den \u00f6ffentlichen Raum zu \u00fcbernehmen, \u00fcber die einzelne Parzelle hinauszudenken und die gr\u00f6sseren Zusammenh\u00e4nge eines Ortes zu verstehen.<\/p>\n<p>Bei seinen Studierenden war Vogt f\u00fcr seine offene und neugierige Art und f\u00fcr gutes Essen bekannt. Um die Diskussion mit seinen Studierenden aufzulockern, versammelte der ETH-\u200bProfessor sie regelm\u00e4ssig um den Esstisch in seinem B\u00fcro. \u00abDas gemeinsame Kochen, Essen und Trinken schuf eine famili\u00e4re Atmosph\u00e4re und l\u00f6ste bei manchen Studierenden Unsicherheiten und \u00c4ngste\u00bb, so Vogt.<\/p>\n<p>Mit G\u00fcnther Vogt verliert die ETH Z\u00fcrich einen Pionier der Schweizer Landschaftsarchitektur. Langweilig wird ihm aber auch ohne Lehre bestimmt nicht. Denn Vogt hat mit seinen B\u00fcros in Z\u00fcrich, London, Paris und Berlin weiterhin alle H\u00e4nde voll zu tun. Seinen Studierenden und seiner Nachfolge will er bewusst keine guten Ratschl\u00e4ge hinterlassen. Denn jede Generation m\u00fcsse ihren eigenen Weg gehen, so wie er das seit jungen Jahren getan habe.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/ethz.ch\/de\/news-und-veranstaltungen\/eth-news\/news\/2023\/11\/verfechter-des-oeffentlichen-raums.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Dieser Artikel erschien original im Blog der ETH Z\u00fcrich<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>G\u00fcnther Vogt ist einer der gefragtesten Landschaftsarchitekten unserer Zeit. Er hat eine ganze Generation von Architektinnen und Architekten f\u00fcr den \u00f6ffentlichen Raum sensibilisiert. 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