{"id":604,"date":"2017-06-14T14:18:15","date_gmt":"2017-06-14T12:18:15","guid":{"rendered":"https:\/\/xoxo.capsule.ch\/2017\/06\/14\/suedliches-bodenseeufer-projekt-fuer-ein-urbanisiertes-kulturland\/"},"modified":"2017-06-14T14:18:15","modified_gmt":"2017-06-14T12:18:15","slug":"suedliches-bodenseeufer-projekt-fuer-ein-urbanisiertes-kulturland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/xoxo.capsule.ch\/en\/2017\/06\/14\/suedliches-bodenseeufer-projekt-fuer-ein-urbanisiertes-kulturland\/","title":{"rendered":"S\u00fcdliches Bodenseeufer: Projekt f\u00fcr ein urbanisiertes Kulturland"},"content":{"rendered":"<p>Es ist seit langem bekannt: Die Ausbreitung der Stadt verbraucht Fl\u00e4chen und bedroht die Kulturlandschaft. Die Trennung zwischen Bau- und Nichtbauland hat sich nur bedingt als wirksamer Schutz der Kulturlandschaft erwiesen: Die Siedlungsentwicklung in l\u00e4ndlichen Gemeinden l\u00e4sst sich nicht stoppen, sondern allenfalls verlangsamen. Dies f\u00fchrt zu einer gef\u00e4hrlichen, weil schleichenden Zersiedlung. Am s\u00fcdlichen Bodenseeufer, wo eine noch weitgehend intakte, agrarisch gepr\u00e4gte Landschaft zunehmend von St\u00e4dtenetzen \u00fcberzogen wird, betrifft die Frage nach der Zukunft dieser Kulturlandschaft die Identit\u00e4t einer ganzen Region.<br \/>\nDie Studie \u00abS\u00fcdliches Bodenseeufer\u00bb des ETH Studio Basel stellt neue Formen des Wohnens und Arbeitens f\u00fcr das s\u00fcdliche Bodenseeufer vor.<!--more--><\/p>\n<p>Was zun\u00e4chst paradox erscheint \u2013 ein Siedlungswachstum bei gleichzeitigem Schutz von Kulturland \u2013, kann sich auf den zweiten Blick in sein Gegenteil verkehren: Mit der Aufl\u00f6sung des Gegensatzes von Bau- und Nichtbauland und der behutsamen Besiedlung von traditionellem Kulturland wird dieses nicht weiter bedr\u00e4ngt, sondern in eine neue, stabile Form \u00fcberf\u00fchrt.<\/p>\n<h3><b>Das Projekt \u00abS\u00fcdliches Bodenseeufer\u00bb<\/b><\/h3>\n<p>Die Stiftung Think Tank Thurgau engagiert sich seit mehreren Jahren f\u00fcr eine kritische Auseinandersetzung mit der urbanisierten Schweiz und in dieser Hinsicht auch mit der Entwicklung des Kantons Thurgau und der Region. Nach einem ersten Projektauftrag, \u00abThurgau \u2013 Projekte f\u00fcr die Stille Zonen\u00bb, hat sie das ETH Studio Basel damit betraut, eine Studie mit Fokus auf den Bodensee zu erarbeiten.<br \/>\nDie Studie richtet sich gleichermassen an Fachleute, an Entscheidungstr\u00e4ger und an die \u00d6ffentlichkeit. Als Diskussionsbeitrag zur r\u00e4umlichen Entwicklung der Schweiz f\u00fchrt sie eine Publikationsreihe des ETH Studio Basel weiter, zu der auch die publizierten Studien Thurgau \u2013 Projekte f\u00fcr die Stillen Zonen (2008) und Metropolitanregion Z\u00fcrich \u2013 Der Z\u00fcrichsee als Projekt (2010) z\u00e4hlen.<\/p>\n<h3><b>Ausgangslage: Eine spezifische Landschaft<\/b><\/h3>\n<p>Das s\u00fcdliche Bodenseeufer im Kanton Thurgau stellt schweizweit insofern eine erstaunliche Ausnahme dar, als es bis anhin von einer ungez\u00fcgelten Siedlungsentwicklung verschont worden ist: Grosse Abschnitte noch immer landwirtschaftlich genutzter Fl\u00e4chen stossen direkt ans Wasser. Im Vergleich zum Z\u00fcrichsee, den eine \u00abgebaute Arena\u00bb umschliesst, wird der s\u00fcdliche Bereich des Bodensees noch von einer mehr oder weniger traditionell gepr\u00e4gten Agrar- und Kulturlandschaft umfasst. Dabei besteht entlang des Ufers eine interessante \u00dcberlagerung von st\u00e4dtenetzartigen Strukturen und Ph\u00e4nomenen der Stillen Zonen.<\/p>\n<h3><b>Erwartung: Druckfronten der Urbanisierung<\/b><\/h3>\n<p>Es ist davon auszugehen, dass dieser Zustand mittel- bis l\u00e4ngerfristig nicht Bestand hat. Einerseits ist die Bereitschaft zur Umwandlung von Kulturland zu Siedlungsgebiet weiterhin zu erwarten, denn auch die relativ wertsch\u00f6pfungsstarke Landwirtschaft am Bodensee ger\u00e4t ins Wanken, sobald die sie st\u00fctzenden Subventionen hinterfragt werden. Andererseits ist einen zunehmender Siedlungsdruck aus st\u00e4dtischen Regionen (Z\u00fcrich, Winterthur) sowie aus dem dynamischen s\u00fcddeutschen Raum absehbar. Dieser Tendenz leisten der Ausbau des S-Bahnnetzes sowie der Bau einer Schnellstrasse im Thurtal Vorschub.<br \/>\nDer Kanton Thurgau vermarktet sich aktiv als g\u00fcnstigen Wohnort f\u00fcr Pendlerinnen und Pendler. Der Traum vom Wohnen im Gr\u00fcnen und ein ausgepr\u00e4gter Drang in sogenannt l\u00e4ndlichen Gemeinden, sich wirtschaftlich zu entwickeln, f\u00fchrt unweigerlich zum kontinuierlichen Verbrauch der Kulturlandschaft durch neue Einfamilienhaussiedlungen. Die raumplanerische Unterscheidung von Bau- und Nichtbauzonen wird dabei st\u00e4ndig unterwandert und resultiert h\u00f6chstens in einer relativen Kompaktheit der Siedlungen und einem zeitlichen Verz\u00f6gern der Zersiedlung. Angesichts der Situation im Schweizer Mittelland ist zu vermuten, dass m\u00f6glicherweise diese schleichende Zersiedlung sogar besonders gef\u00e4hrlich ist, weil sie das Problem nicht unmittelbar erkennen l\u00e4sst, und damit nicht nur die Planung, sondern auch die Diskussion \u00fcber Alternativen behindert.<\/p>\n<h3><b>Vision: Entwicklung mit der, statt gegen die Landschaft<\/b><\/h3>\n<p>Der zuk\u00fcnftig instabile Zustand dieser Region wird keineswegs als hoffnungslos erachtet. Die Studie des ETH Studio Basels versucht vielmehr mit einer Vision den genannten Tendenzen und Bedingungen ein neuartiges, st\u00e4dtebauliches Projekt abzuringen. Dieses sieht ein Wachstum der Seegemeinden unter gleichzeitiger Erhaltung offener Bereiche mit Kulturland vor. Das Wachstum soll aber nicht nach g\u00e4ngigem Muster geschehen (Anlagerung weiterer Einfamilienhauszonen), sondern aus dem spezifischen Potenzial dieses Uferabschnitts ein Angebot schaffen. Ist unter den bestehenden Bedingungen eine Siedlungsform denkbar, die nicht Kulturlandschaft vernichtet, sondern Teil von ihr wird? Dies w\u00fcrde bedingen, die bestehende Dichotomie von Bauland und Nichtbauland zu hinterfragen und sich neue Formen zwischen Stadt und Landwirtschaft vorzustellen. W\u00e4hrend die bisherige Entwicklung das Kulturland als Gegenst\u00fcck zur Siedlung ausklammert, w\u00fcrde ein solches Szenario die Landschaft und deren Bewirtschaftung als integralen Teil der Entwicklungslogik verstehen. L\u00e4ngerfristig k\u00f6nnte daraus eine neue, stabile Balance zwischen Siedlung und Landschaft entstehen.<br \/>\nKonkret schl\u00e4gt das Projekt eine wenig dichte, mit einer Streusiedlung vergleichbare Bebauung vor, in der eine spezifische Wohnform unmittelbar mit der landwirtschaftlichen Nutzung des Bodens verkn\u00fcpft wird. Ein solches Angebot richtet sich an Menschen, die in einem st\u00e4dtischen Zentrum arbeiten und auch sonst mit den Vorz\u00fcgen der Stadt verbunden sind, sich aber daneben der Bewirtschaftung und Pflege der Kulturlandschaft widmen wollen. Dies umfasst das Erzeugnis und den Vertrieb landwirtschaftlicher G\u00fcter, allerdings gedacht als Bereicherung im Leben oder als Ausgleich zu einem \u00abst\u00e4dtischen\u00bb Haupterwerb. Damit reagiert es auf den anhaltenden gesellschaftlichen Trend, den Kontakt mit der Kulturlandschaft und der Nahrungsmittelproduktion zu suchen. Die in der Schweiz bereits weit fortgeschrittene Verschr\u00e4nkung von l\u00e4ndlichen und urbanen Lebensweisen soll in einer neuen Wohn- und Lebensform und letztlich auch in einer eigenen Landschaftsform ihren Ausdruck erhalten.<br \/>\nWohlgemerkt geht eine solche Entprofessionalisierung der Landwirtschaft zwangsl\u00e4ufig zu Lasten ihrer Produktivit\u00e4t. Dies w\u00e4re aber bewusster Ausdruck einer anderen Abw\u00e4gung \u00f6ffentlicher Interessen: Im Zentrum steht nicht mehr die Nahrungsmittelversorgung, sondern eine erh\u00f6hte Vielfalt in der Landwirtschaft sowie der Schutz und die Pflege der Kulturlandschaft. Zudem erlaubt die Eingliederung von Landschaftsr\u00e4umen in die zeitgen\u00f6ssische Urbanisierung langfristig Produktionsr\u00e4ume, die heute oder morgen wirtschaftlich nicht mehr bestehen k\u00f6nnen, in ihren Strukturen zu sichern und als \u00abnationale Reserven\u00bb bei zuk\u00fcnftigem Bedarf zu reaktivieren.<br \/>\nDas Projekt f\u00fcr eine dezentrale Besiedlung darf keinesfalls als Kritik an der Forderung nach verdichteten Siedlungsr\u00e4umen verstanden werden. Sie ist nach wie vor Voraussetzung f\u00fcr die Bewahrung der letzten offenen Kulturlandschaften und integraler Bestandteil dieses Projekts. Nichtsdestotrotz m\u00fcssen f\u00fcr spezifische Situationen alternative Modelle getestet werden.<\/p>\n<h3><b>Umsetzung: Die Landwirtschaftliche Wohnzone<\/b><\/h3>\n<p>Kern und Instrument des Projektes ist ein neuer Zonentyp im Nutzungsplan, der die bisherige Unterscheidung von Wohn- und Landwirtschaftszone aufl\u00f6st. Damit wird das wirksamste Argument der Raumplanung gegen die Zersiedlung entsch\u00e4rft. Dementsprechend muss der Funktionsbereich des neuen Zonentyps durch klare und rigide Regelungen beschrieben werden. Deshalb wird als Tr\u00e4ger dieser neuen Siedlungsform eine Stiftung vorgesehen, die das Land l\u00e4ngerfristig verpachtet, und so eine weitgehende Kontrolle \u00fcber die landschaftliche und bauliche Gestaltung aus\u00fcben kann. Die Bearbeitung des Bodens wird rechtsverbindlich an das Wohnen in der Kulturlandschaft gekn\u00fcpft.<\/p>\n<p><i><a href=\"mailto:mueller.inderbitzin@emi-architekten.ch\" target=\"_self\">Christian Mueller Inderbitzin<\/a>, Architekt, Assistent am ETH Studio Basel und Mitautor der Studie S\u00fcdliches Bodensee. Projekt f\u00fcr eine urbanisierte Kulturlandschaft. Die Studie erscheint im Juli 2012 als Publikation im gta Verlag.<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist seit langem bekannt: Die Ausbreitung der Stadt verbraucht Fl\u00e4chen und bedroht die Kulturlandschaft. Die Trennung zwischen Bau- und Nichtbauland hat sich nur bedingt als wirksamer Schutz der Kulturlandschaft erwiesen: Die Siedlungsentwicklung in l\u00e4ndlichen Gemeinden l\u00e4sst sich nicht stoppen, sondern allenfalls verlangsamen. Dies f\u00fchrt zu einer gef\u00e4hrlichen, weil schleichenden Zersiedlung. 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